
Ein hochemotionales Thema wurde am Mittwochabend im Heimatmuseum diskutiert: Flucht und Vertreibung und die daraus entstandenen seelischen Verletzungen. Auch in Hückeswagen gab es zeitweise über 3000 Betroffene.
Flucht, Vertreibung und seelische Verletzung infolge des Zweiten Weltkriegs
„Die lokalgeschichtliche Aufarbeitung des Themas Flucht und Vertreibung hat gerade erst begonnen.“ Norman Schorl, stellvertretender Vorsitzender der Bergischen Zeitgeschichte (BZG) begrüßte mit diesen Worten die über 60 Zuhörer am 15. November im Heimatmuseum. Während eine Etage höher im Ratssaal die Politiker des Stadtrats über aktuelle Probleme der Schloss-Stadt diskutierten, versuchten vier Referenten auf dem Podium sich einem Thema zu nähern, das über 60 Jahre nach Kriegsende für viele immer noch hochemotional ist. Darüber hinaus waren viele Menschen im Publikum als Kind mit ihren Eltern selber auf der Flucht gewesen, wie sich in der anschließenden Diskussion herausstellte.
Am Anfang der Veranstaltung standen die nüchternen Zahlen: Im Jahr 1953 betrug der Anteil der Flüchtlinge, Vertriebene und Evakuierte in Hückeswagen 21,6 Prozent. Viele von ihnen waren auf die insgesamt acht Lager im Stadtgebiet verteilt. Mitte 1956 hatte die Kommune inklusive der 134 Flüchtlinge aus der „Sowjetisch besetzten Zone“ 3069 Menschen aufgenommen.
Ganz unterschiedlich haben die Betroffenen die persönliche Aufnahme in Hückeswagen empfunden. „Es gab keine Solidarität zwischen Vertriebenen, Flüchtlingen und Einheimischen“, berichtete BZG-Mitglied Dietrich Hoffmann aus seinen Erfahrungen. Eine Frau aus dem Publikum hatte jedoch eine gegenteilige Er-fahrung gemacht, sie fühlte sich gut aufgenommen.
Jutta Keller stellte nach der Einordnung des Themas in den historischen Zusammenhang und einem um-fangreichen statistischem Teil, die konkrete Arbeit innerhalb des Vereins vor. Die Mitglieder einer Arbeitsgruppe hatten einen Fragebogen entwickelt und Interviews mit Betroffenen geführt, die Bemerkens-wertes hervorbrachten. So lautete eine Antwort: „Wir Vertriebene stiegen erst in der Hierarchie auf, als die italienischen Gastarbeiter kamen, denn wir sprachen wenigstens deutsch.“
Auf das größte Echo im Publikum stieß jedoch der Vortrag von der Therapeutin Petra Hafele. Anschaulich erklärte sie, was sich beim Menschen im Kopf abspielt, wenn sie mit einem traumatischen Erlebnis konfrontiert werden. Sie zeigte von Kindern gemalte Bilder, die sich auf Ereignisse aus dem Krieg in Bosnien beziehen.
Viele der Zuhörer konnten die Ausführungen von Hafele bestätigen. Die Flucht nach Westen oder damit in Verbindung stehende Kriegserlebnisse hatte auch bei ihnen Wunden hinterlassen, die immer dann gegenwärtig werden, wenn ähnliche Situation daran erinnern.
Zu eine streckenweise kontroversen Diskussionen führte die Anmerkung eines Zuhörers, der den Begriff „Heimat“ hinterfragte. Während einige damit einfach nur ihren Geburtsort in Verbindung brachten, bedeutete er für andere mehr. „Nur wer einmal seine Heimat zwangsweise verlassen musste, kann nachvollziehen, was der Begriff bedeutet“, merkte ein anderer an.
Die Arbeitsgruppe „Flüchtlinge und Vertriebene“ sucht weiter Zeitzeugen und Informationen zum Thema. Erste Ergebnisse der Arbeitsgruppe werden in Kürze ihm Rahmen einer kleinen Ausstellung zu sehen sein.
Ansprechpartner: Dietrich Hoffmann, Tel.: 02195/7699
Treffpunkt: Geschäftsstelle der BZG, Islandstraße 1
Öffnungszeiten: Samstag, 10 bis 13 Uhr, Montag 17 bis 20 Uhr
Text: Norbert Bangert

Das Flüchtlingslager in Krebsögersteeg am 1. April 1949
Foto: privat/BZG
