
Um einen "heute so gut wie vergessenen" Wermelskirchener ging es am Montag abend in einer gemeinsamen Veranstaltung der Volkshochschule Bergisch-Land und der Bergischen Zeitgeschichte (BZG): Otto Brass, zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts einer der einflussreichsten Arbeiterführer in unserer Region. "Er wurde seinerzeit 'der König des Bergischen Landes' genannt", berichtete Referent Norman Schorl von der BZG. Denn Brass hatte schon in jungen Jahren etliche Posten und Aufgaben inne.
Geboren wurde Otto Brass am 21. Dezember 1875 als Sohn einer Tucharbeiterfamilie am Schwanen. Nach dem Besuch der Volksschule begann er 1889 als 13jähriger eine Feilenhauerlehre – just zu einer Zeit, als die Remscheider Feilenfabrikanten die ersten Haumaschinen anschafften und damit die Arbeitswelt revolutionierten. Otto Brass ließ sich vom Gedankengut der Arbeiterbewegung anstecken, zumal er im Sommer 1890 einen großen, mehrwöchigen Feilenhauerstreik miterlebte und sich von der Protest-Stimmung unter den proletarischen Kollegen in Remscheid überzeugen ließ. "1893, ein Jahr nach seiner Lehre, zog er nach Remscheid und trat dort in die Gewerkschaft ein", so Norman Schorl. Zwei Jahre später wurde Brass auch SPD-Mitglied, machte 1897 die Meisterprüfung und wurde – im Alter von nur 21 Jahren – Vorsitzender des Feilenhauervereins Remscheid und Vorstandsmitglied der SPD vor Ort. "Eine beachtliche Funktionärskarriere" sei das gewesen, sagt Historiker Norman Schorl in seinem Vortrag in der VHS-Zentrale – eine Karriere allerdings, die auch andere Arbeiterfunktionäre hinter sich brachten und die dem streitbaren Sozialdemokraten noch zu reichsweiter Bekanntschaft verhelfen sollte.
Engagiert für die Arbeiter-Krankenkasse
Zur Jahrhundertwende engagierte sich der Wermelskirchener im benachbarten Remscheid vor allem im Bereich der Arbeiter-Krankenversicherungen. So war es logisch, dass er 1903 zunächst Krankenkassenbeamter der AOK und zwei Jahre später dann deren Vorsitzender wurde. Gleichzeitig war er Herausgeber der "Remscheider Arbeiterzeitung" (später "Bergische Volksstimme") und trat als SPD-Redner auf. Norman Schorl: "An Brass kam zu dieser Zeit in der Arbeiterbewegung des Bergischen Landes keiner vorbei" – bis er 1914 in Opposition zu den Kriegsbefürwortern im SPD-Vorstand rückte.
Damit begannen "die politischen Wanderjahre" (Schorl) des Politikers: Drei Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs verließ Brass die SPD, war an der Gründung der Abspaltung USPD beteiligt und wurde auch in deren Zentralkomitee gewählt. 1919 war er zunächst Abgeordneter der Nationalversammlung, ab 1920 dann für vier Jahre Mitglied des Reichstags für den Wahlkreis Düsseldorf-Ost – den übrigens einige Jahre später mit Hugo Paul (KPD) erneut ein Wermelskirchener im Reichstag repräsentieren sollte. Brass' Weg führte dann von der USPD über die KPD, die Vereinigte KPD und die Kommunistische Arbeitsgemeinschaft (KAG) wieder zurück zur SPD – weshalb er von früheren KPD-Genossen noch in den 1950er Jahren als Verräter an der Arbeiterschaft geschmäht wurde, wie sich ein Zeitzeuge während des Vortrags erinnerte: "Da gab es zwei alte KPD-ler aus Wermelskirchen, die wollten vom Brass nach dem Krieg nichts mehr wissen."
Haft und Widerstand
In der Weimarer Republik nahm der Einfluss von Brass immer weiter ab. Er war jetzt Verleger der Zeitschriften "Der Klassenkampf" (ab 1927) und "Marxistische Tribüne für Politik und Wirtschaft" (ab 1931), hatte jedoch keine entscheidenden politischen Ämter mehr inne und zog nach Berlin, wo er 1933 durch die Nationalsozialisten von diesen Ämtern enthoben und im März 1933 verhaftet und im KZ Columbia-Haus gefoltert wurde. "Dennoch gründete er nach seiner Freilassung die Widerstandsgruppe 'Deutsche Volksfront'", sagt Norman Schorl. Im September 1939 wurde Brass erneut verhaftet und gefoltert und saß dann, verurteilt vom Volksgerichtshof, bis 1945 in Brandenburg im Kerker. Nach der Befreiung durch die Alliierten blieb er in Berlin, rief dort den Gewerkschaftsausschuss für Groß-Berlin ins Leben und trat 1946 in die SED ein. 1950 starb Otto Brass in Thüringen. "Ein bewegtes und bewegendes politisches Leben" sei das gewesen, zog Norman Schorl Bilanz – und Otto Brass eine historische Figur der Stadtgeschichte, "zu der sich weitere Nachforschungen lohnen würden".
"Der König des Bergischen Landes"
Vortrag über Otto Brass, Sozialdemokrat aus Wermelskirchen
Text: A. Himmelrath
2008-05-20
