
Geschichte mit Gänsehaut-Gefühl
20 Jahre Einheit: Zeitzeuge Hermann Saitz bei der BZG zu Gast
Den schönsten Satz im September 1989 hörten Hermann Saitz und seine Frau Christina, als sie aus dem Ungarn-Urlaub zurück nach Erfurt kamen. Zuvor hatten sie im sozialistischen Bruderland gesehen, wie viele ihrer Mitbürger sich auf den Weg in den Westen machten. „Den ganzen Rückweg über waren wir in Sorge, ob unsere Tochter Barbara noch zu Hause wäre oder ob sie auch in die BRD ausgereist war und ob wir sie jemals wieder sehen würden“, erinnerte sich Saitz im Hückeswagener Heimatmuseum. Der erste Anruf zuhause galt der Tochter, „und als sie sagte: ‚Schön, dass ihr da seid – ich setze schon mal die Kartoffeln auf’, da waren wir unbeschreiblich glücklich.“ Denn in der Familie hatte es zuvor lange und offene Gespräche darüber gegeben, was man tun sollte in diesem Herbst 1989: Bleiben oder gehen?
Hermann Saitz, Jahrgang 1936, berichtete am Mittwochabend auf Einladung der Bergischen Zeitgeschichte (BZG) sehr persönlich, wie er und seine Familie die Ereignisse vor zwei Jahrzehnten in Erfurt erlebten. In der Stadt hatte es schon seit 1986 Unruhe gegeben, weil das Andreasviertel in der Innenstadt abgerissen und mit Plattenbauten zugepflastert werden sollte. Saitz war als Leiter der Verkehrsplanung in Erfurt an diesen Debatten beteiligt und stellte bald fest: „Für mich als Stadtplaner war das deutlichste Zeichen des Niedergangs der Verfall der Altstadt – das konnten die Bürger in letzter Konsequenz nicht mehr ertragen.“ Als es dann im Herbst 1989 in der ganzen DDR zu Demonstrationen gegen das SED-Regime kam, kippte auch die Stimmung in Erfurt. „Unsere Tochter war am mutigsten bei uns in der Familie, sie war von Anfang an dabei. Meine Frau ist dann zur zweiten Demonstration mitgegangen, ich selber war feige und bin erst beim dritten Protestzug dabei gewesen“, sagte Saitz mit leiser Stimme und zögerte kurz, „dafür schäme ich mich.“
Die rund 60 Zuhörer im voll besetzten Heimatmuseum lauschten gebannt diesen persönlichen Erinnerungen. Und hatten Gänsehaut-Gefühl, als Hermann Saitz berichtete, wie die Familie am Abend des 9. November 1989 vom Mauerfall erfuhr: Weil die Familie keinen Fernseher hatte, bekam sie von den Entwicklungen in Berlin nichts mit – bis das Telefon klingelte und ein befreundeter Stadtplaner aus Tokio anrief: „Herr Kollege, herzlichen Glückwunsch, wir sehen im Fernsehen, dass die Mauer gefallen ist!“ Die Reaktion in Erfurt: ungläubiges Staunen. „Und dann haben wir erstmal geheult“, erinnerte sich Saitz, „das war total verrückt, dass uns ein Mann vom anderen Ende der Welt erzählte, was bei uns los war.“ Zwei Tage später fuhr Tochter Barbara das erste Mal für ein Wochenende in den Westen, Hermann und Christina Saitz warteten bis zum ersten Adventswochenende und machten sich dann auf den Weg zu Freunden nach Schweinfurt. „Danach ging es Schlag auf Schlag bis zur deutschen Einheit im Oktober 1990“, erzählte Saitz und zeigte etliche Fotos – nicht nur von den Demonstrationen in Erfurt, sondern auch sehr Persönliches: Christina Saitz als „Bürgerwache“ in der Stasi-Zentrale ebenso wie das Ehepaar bei der ersten freien Kommunalwahl an der Urne. „Das war für uns ein Höhenflug, der bis heute anhält.“ Der Kontakt nach Hückeswagen entstand, als sich das Ehepaar Saitz und BZG-Mitglied Jutta Keller vor ein paar Jahren anfreundeten. Fasziniert von den Erzählungen, organisierte die Hückeswagenerin den Vortrag für die BZG – und ermöglichte so zum 20. Jahrestag der Einheit faszinierende zeitgeschichtliche Einblicke.
Text: Armin Himmelrath - 2010-09-22
Sehen Sie auch Fotos zur Veranstaltung auf der Seite von Oberberg Aktuell.
